von Aurelia Becker
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Goldie & Irène

Ich bin kein Typ fürs Tote. Mein selbstgewähltes Stofftier war das Hässlichste und sein Name platt. Ich weiss bis heute nicht, weshalb ich es Goldie nannte. Den harten Hamster fand ich in einem Weihnachtskatalog des Franz-Karl-Weber. Mit meinem Meerschweinchen war ich kreativer. Es reagierte auf den Namen Patapuf - französisch für Kartoffelbrei. Eine Klassenkameradin kam aus Französisch-Belgien. Sie hiess Nanette, war fett und hatte Schweinsaugen. Ihre beste Freundin war ein Mischling. So nannte man damals Menschen, die nicht ausschliesslich weiss waren. Irène - so hiess die nicht nur Weisse - lebte mit ihrer Mutter, einem Fotomodell, ihrem Stiefvater und drei einfarbigen Geschwister in einer 3-Zimmer-Wohnung. Irène war die Älteste und galt als intelligent. Wir besuchten dieselbe Klasse. Unsere Klassenlehrerin hiess Fräulein Schwarz. Alle ausser meine Mutter nannten sie so. "40jährige sind keine Fräuleins", meinte sie. Vielleicht war das ein Grund, weshalb mich Fräulein Schwarz auf dem Kieker hatte. Sie setzte mich in die hinterste Bank mit den Worten: "Magda, schau nur aus dem Fenster. Du siehst dort ein Schulhaus, in dem du dich viel wohler fühlen würdest." Wenn jemand Neues in die Klasse kam, sagte sie: "Pass auf, Magda hat italienisches Blut, das mit ihr durchgeht."

Ich war katholisch und durfte nicht in den allgemeinen Schulreligionsunterricht.Das war schade. Gemeinsam mit Irène besuchte ich einmal wöchentlich den katholischen Spezialunterricht. Der Herr Pfarrer drehte mit Irène und mir einen Film. Alle Menschen sind gleich. Irène hielt meine Hand und der Hintergrund war schwarz-weiss. Schon einmal - im Ferienlager in Sanemöser - wurde mit Foto in der Zeitung über mich berichtet. Und diesmal war es ein Film. Der Mittelpunkt war mein Element.

 

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