von Aurelia Becker
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Leipzig, Hauptbahnhof

Es ist Februar. Ich möchte Ende April an die Leipziger Buchmesse. Es ist nicht das erste Mal. Bereits in den 90er Jahren, als ich kurz nach der Wende in Berlin studierte, fuhr ich nach Leipzig. Begegnungen mit Herta Müller und Richard Wagner blieben mir in Erinnerung. Und jetzt also wieder. Nach dreijähriger Corona Zwangspause. Da ich im April in Berlin sein werde, buche ich über den DB-Navigator ein Ticket Berlin - Leipzig und ein weiteres Leipzig - Basel, Badischer Bahnhof. Alles klappt wunderbar und ich hoffe, die Bahn wir nicht ausgerechnet an diesem Datum streiken.

Ein paar Tage vor meinem Reiseantritt erhalte ich von der DB eine Mail: Wir erwarten eine sehr hohe Auslastung des Zuges. Ich schenke der Nachricht nicht allzu grosse Beachtung. Mit meiner Platzreservierung scheine ich im Trockenen zu sein. Dann: zwei Tage vor Abfahrt, nachts um 4.30 eine Nachricht: Klassenwechsel  für zehn Euro. Ich erwache um fünf Uhr und klicke auf den Link: Kein Platz mehr. Alles ausgebucht. Ich rufe die DB-Helplein an, warte 15 Minuten in der Schlaufe (morgens um sechs Uhr). Endlich, eine freundlich erlösende Stimme: Ich kann nichts für Sie tun. Das ist ein Algorithmus und Klassenwechsel gehen nur online. Ok. Ich fahre ins Reisebüro Friedrichstrasse. Auf mysteriöse Weise verschwand meine Platzreservierung für den Nachtzug. Der Mann am Schalter - nachdem er laut ausgerufen hatte, heute sei Kartenzahlung nicht möglich und die Schlange sich halbierte - sagt, es tue ihm Leid, aber der Zug sei vollständig ausgebucht. Weshalb ich denn keine Reservierung getätigt hätte. Ich sagte, das hätte ich schon getan, aber diese sei verschwunden.

Der Freitag ist da. Vor meiner Abreise will ich mir online ein Tagesticket kaufen. Oh Schreck: Ticket lösen nicht möglich, da Tageslimite bereits überstritten.

Ich fahre mit grossem Gepäck nach Leipzig. Alles klappt: Zug pünktlich, Sitzplatz reserviert. In Leipzig staune ich nicht schlecht. Schliessfächer gibt's im West- und Ostbereich. Da Orientierung und insbesondere Himmelsrichtungen nicht meine Stärke sind, folge ich den bedachten Koffericons. Ich glaub es nicht: Alle Schliessfächer - es sind gefühlte 15, sind belegt. Ich versuche in die Osthälfte des Bahnhofs zu gelangen. Gleiches Szenario: Alles belegt und einige Leute mit Koffer, die mir sagen, sie warteten schon eine Stunde. Ich begebe mich an den Informationsschalter. Die sagen, es sei halt Buchmesse. Ich sage, da will ich ja auch hin. Sie sagen, ich könne den Koffer bis 19 Uhr im Fundbüro abgeben. Ich sage, mein Zug fährt erst um 23.45. Ein älterer, sozialistisch aussehender Mann in Bahnhofsuniform schaltet sich ein: Warten Sie. Er telefoniert. Nach einer viertel Stunde hake ich nach. Sein Handzeichen gibt mir zu verstehen: Haben sie Geduld. Es scheint sich eine Lösung abzuzeichnen. Ich trotte ihm quer durch die Bahnhofshalle im zwei Meter Abstand hinterher. Fundbüro. Eine Frau übernimmt. Holt einen Datumsstempel (wusste nicht, dass es sowas noch gibt) hervor, beschreibt handschriftlich zwei Zettel und übergibt mir einen davon. Zum Abholen solle ich mich dann beim Informationsstand melden.

Meine Veranstaltungen sind wunderbar. Genau so, wie ich mir es vorgestellt und gewünscht habe. Jetzt, auf dem Rückweg zur Gepäckaufgabe, wird mir etwas mulmig. Klappt die Gepäckrückgabe? Verbringe ich die Nacht auf meinem Koffer im Zugsflur?

Ich begebe mich zum Infostand. Telefon, eine Frau holt mich ab. Durchquerung der Bahnhofshalle in die andere Richtung. Treppenhaus hoch, Zettel abgeben und Koffer in die Hand nehmen. Der Zug ist pünktlich. Ich steige ein. So schlimm ist das nicht. Ich öffne ein Abteil, das von einem Ehepaar besetzt ist. Ziehe die beiden freie Sitze im Gang zusammen und lege mich schlafen. Am morgen, beim Aussteigen sehe ich die 1. Klasse. Es gibt dort keine Abteile. Nur Grossraumwagen. Nochmal Glück gehabt. Liegen wäre in der 1. Klasse nicht möglich gewesen.

 

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